Die Oberschwaben

Ist der Altwürttemberger, der Neckarschwabe rechtschaffen und  fleißig, betriebsam und wägelich, einfach und ehrlich, so ist der Oberschwabe heiterer, musischer, genießerischer. Neigt man im Unterlang mehr zum Reflektieren, zeichnet sich durch einen in sich gekehrten Ernst aus, legt man wenig Wert auf Äußerlichkeiten, ist dort das „Sach" die Hauptsache, führte man, allem Prunk abhold, ein Leben von großer Sittenstrenge, so ist man im Oberland empfänglicher für Musik und bildende Kunst. Beim Heiraten sah der Neckarschwabe mehr auf die Mitgift, der Oberschwabe auf die Herkunft und auf die äußere Erscheinung der Braut. Er hat etwas übrig für das Unnütze, Spielerische, Komische. Aufklärung und Pietismus sind weder hemmend noch fördern ins Oberland gekommen. Das hatte seine Vorteile und Nachteile. Sie haben den Unterländer emsiger und nüchterner gemacht, ihn mehr zum Gewerbe- und Handelsmann prädestiniert. Der Oberschwabe liebt dagegen Theater, Vermummung, Fasnet; der Neckarschwabe widmet sich intensiver seinen Geschäften. Der Oberschwabge  ist geselliger und umgänglicher, mit ihm ist besser geschirren als mit dem Unterländer, der auch im Kleinen mehr auf seinen Vorteil bedacht ist, dem Vetter im Oberland die Fähigkeit zum Lebensgenuss neidet und diesen Mangel dadurch kompensiert, dass er wenn nicht ihn, so doch das, woran jener nicht festhält, in den eigenen Sack steckt.

Thaddäus Troll: Preisend mit viel schönen Reden. Tübingen 1972.

 

Der Oberschwabe bildet das Mittelglied zwischen dem Schwaben und Bayern. Die Kräfte des Beharrens sind stärker in Staat, Kirche und sozialen Verhältnissen. Der reflektierende, in sich gekehrte Ernst des Altwürttembergers ist weniger bemerkbar. Er erfreut sich im Ganzen eines sorgenloseren Daseins und braucht sich weniger zu plagen, als der Unterländer. Auch die Geselligkeit hat daher einen heiteren und volkstümlicheren Charakter. Die Empfänglichkeit und Befähigung für Musik und bildende Künste scheint stärker, der Sinn für die Regionen des abstrakten Denkens schwächer zu sein als bei den Niederschwaben.

Gustav Rümelin: Der württembergische Volkscharakter. In: Ders.: Reden und Aufsätze. Bd. 3. Freiburg-Leipzig 1894.

 

Was den Charakter der Oberschwaben angelangt, so zeichnet er sich durch eine gewisse Noblesse, durch aristokratische Färbung, durch derbe Offenheit, ein gewisses zähes Festhalten am Althergebrachten, durch ein sehr empfindliches Rechts- und Ehrgefühl aus. Der beleidigte Oberschwaben greift seinen Gegner offen an, und macht leider nicht selten vom Prügel und vom Stilet Gebrauch. Er ist ein geborener Raufer und in den ledigen Jahren zu kriegerischen Unternehmungen sehr geneigt. Er hasst Kleingewerbe, Kleingüterei und landfahrendes Volk, ob es handle oder bettle. Er sieht bei Heiraten mehr auf das Herkommen aus einer alten Familie, als auf das Vermögen.

Der Unterländer ist ernst, grüblich, geneigt, den letzten Grund der Dinge zu erforschen, der Oberländer lebenslustig, Liebhaber des Komischen, des Studiums der Formen, der Kunst und der Mode. Jener ist ein beschaulicher, dieser ein traulicher Mensch.

Michel Buck: Medicinischer Volksglauben und Volksaberglauben aus Schwaben. Ravensburg 1865.