Impressionen

<p>Pfahlbaumuseum Uhldingen<br />Museen - Kurzbeitra</p>

Oberschwaben - Heimat der Gegensätze

Gefallen finden an Oberschwaben ist leicht. Kaum einer, der nicht ins Schwärmen verfällt beim Anblick dieser gottgefälligen Gegend. Sie zeigt sich ja fast nur von ihrer schönsten Seite, als könne sie gar nicht anders. Gelobtes Milchland, Bauernland, Ferienparadies!

Am liebsten sieht man die „Heimat vor den großen Bergen" als eine aus rauer Eiszeit in die milde Gegenwart herübergeschmirgelte weichhügelige Drumlin-Landschaft, mit Wald und Wiesen überbröselt, gespickt mit Schlössern, Burgen, Klöstern und Kirchen, dazwischen frohsinnige Landräte, leutselige Bürgermeister. Von Ochsenhausen bis Birnau fädelt die oberschwäbische Barockstraße eine Architekturperle nach der anderen auf. Ganzjährig blüht der Löwenzahn auf saftigen Wiesen, aus jeder Hauswand recken sich blattgoldverzierte schmiedeiserne Wirtshausschilder vor tiefblauem Himmel. Heimatmuseen verklären die Vergangenheit zur Idylle, und aus den Festzelten blasen Musikkapellen ohn' Unterlass Provinzmelodien. Wer das Oberland so sieht, hat leicht loben.

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Wer die liebliche  Idylle schätzt, darf ihre Zerstörung nicht übersehen. Wen  die bodenständig katholische Beharrlichkeit der Hiesigen wurmt, sollte ihre sinnenfrohe Lebenslust nicht unterschlagen. Wer die industrielle Modernität bewundert, muss auch die verhockte und verfilzte Rückständigkeit beklagen. Oberschwaben ist nur als Ganzes zu begreifen.

Dieser Gegend fehlt praktisch nichts. Am wenigsten Eigensinn. Oberschwabe kann man nämlich nicht werden. Man ist es, lebenslang. Es gibt keinen anderen Zugang zu den Eckpfeilern der hiesigen Identität: Fronleichnam und Fasnet. Brauchtum ist alles. Nirgends findet man mehr Musikkapellen, Schützenvereine, Beichtstühle, Bauernschränke, fürstliche Wälder und katholische Wallfahrten als hier. Jeder Quadratmeter eine gepflegte  Herzkammer. Lauter Idyllen. Folklorezauber der Heimatfeste und Katholizismus pur: Hinter jedem Vorhang wartet ein Mysterium.

Peter Renz: Kontraste in Oberschwaben. Ulm 1997.