Literatur am Bodensee und in Oberschwaben vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Die Schreib- und Lesekultur in Oberschwaben fing in den Klöstern an. Ein zentraler Raum für die ältere Literaturgeschichte ist die Bodenseeregion. Hier entstanden im frühen Mittelalter erste volkssprachige Texte (St. Gallen, Reichenau). Im hohen Mittelalter finden sich im Dreieck von Konstanz-Vorarlberg-Zürich nicht nur bedeutende Minnesänger und Minnesang-Zirkel (Weingartner Liederhandschrift), sondern auch berühmte Epiker (Rudolf von Ems, Ulrich von Zatzikhoven, Wittenwiler) und neue Formen des kirchlichen Spiels.

Hoch über Sipplingen schrieb Burkhard von Hohenfels seine Minnelieder. In der berühmtesten Liedersammlung, der Manessischen Liederhandschrift, ist aus der Region Bodensee-Oberschwaben neben ihm auch Ulrich von Winterstetten vertreten. Im Spätmittelalter dominieren im Bodensee-Raum die geistliche Prosa (Seuse, Frauenmystik), später das Jesuitendrama, aber auch die Schwankdichtung, für die u.a. die Zimmerische Chronik der Herren von Meßkirch eine Quelle ist. Das Konzil von Konstanz von 1414 ist Anlass vielfältiger Texte geworden.

Ein Oberschwabe ist nicht nur der Marchtaler Kapitular und Mundartdichter Sebastian Sailer, der die Schöpfungsgeschichte ins Hiesige verlagert hat, sondern auch der wortgewaltige Prediger Abraham a Sancta Clara aus Kreenheinstetten. Die Wielandstadt Biberach ist sich manchmal ihres Stolzes auf den großen Dichter, einen der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung, unsicher. Er brachte die Weltliteratur, Shakespeares Dramen, in die Provinz und wurde selbst zum Klassiker der deutschen Literatur. Am „Musenhof“ des Grafen von Stadion in Warthausen verkehrte nicht nur Wieland, sondern dort lebte auch Sophie von La Roche, die erste Herausgeberin einer deutschen Frauenzeitschrift und Autorin des ersten deutschsprachigen Frauenromans.

Einen Aufschwung für die Bodensee-Literatur bringen der Rousseauismus und die Ästhetisierung der Landschaft im 18. Jahrhundert. Mörike und Uhland haben Oberschwaben durchwandert und Landschaftsbilder in Sprache gefasst. Der Bodensee, die südliche Grenze Oberschwabens, hat eine zeitlang die Dichter magisch angezogen und zum Lob der Landschaft verführt: die Droste, Hesse, Rilke, Becher, Jacques. Ernst Jünger lebte und arbeitete ein halbes Jahrhundert in der oberschwäbischen Zurückgezogenheit. In Martin Walser hat nicht nur Oberschwaben und die Seeregion ihren größten Mentor gefunden, sondern die Schreibenden ihren „Patron“, wie ihn der Schriftsteller Hermann Kinder genannt hat. Walser hat das Oberland wie kein anderer zum literarischen Kosmos vieler seiner Romane gemacht. Seine Initiativen haben bewirkt, dass regionale Identität nicht nur ein Sehnsuchtsort bleibt. Die drei „Marien“ sind die herausragenden Frauengestalten der oberschwäbischen Literatur: Maria Müller-Gögler bediente sich oft historischer Figuren und Ereignisse aus Oberschwaben als Sujet für ihr Schreiben, Maria Menz brachte in ihrer Lyrik die Natur und eine mystische Glaubenswelt zum Klingen und Maria Beig verwandelte ihre Erfahrung des oberschwäbischen Bauernlebens in Literatur. Stadler und Ott, Renz und Dürrson stehen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff.